Es war der 2. Juni 1971, als (Kloster-)Schwester Ruth, die liebenswürdige Personalchefin des Bürgerspitals, sagte, einen starken Mann wie mich könnte man gut gebrauchen, um die schwereren Patienten aufzunehmen, zu bewegen, waschen und betten. Sie stellte mich sogleich auf der betreffenden Abteilung vor, gab mir meinen Monatslohn bekannt, den ich rückwirkend ab 1. Juni bekommen würde, und forderte mich auf, am Tag darauf, nach zwei so genannt freien Tagen gleich dort anzufangen. Obwohl ich in Holland nebenbei noch zwei Jahre deutsche Handelskorrespondenz gelehrt bekam, verstand ich während den Znüni- und Zvieri-Pausen in den ersten Monaten kein Wort davon, was diese Schwestern und Assistenten in Gottes Namen miteinander besprachen, so sehr ich mich auch anstrengte. Nach drei Monaten gings schon besser, nach einem halben Jahr sagte ich allen, dass sie doch gefälligst Schwitzertütsch mit mir sprechen sollten, und auch ich redete mich immer mehr in den Dialekt hinein. Die Arbeit gefiel mir immer besser, und ich fühlte mich so etwas wie der Hahn im Korb zwischen all den Schwestern. Ich hatte noch nie derart gefällige Arbeit gehabt mit so vielen freundlichen Leuten. Drei oder vier Monate später kam Schwester Ruth wieder mal auf die Abteilung und fragte mich, ob ich als Reservepfleger im Notfalldienst arbeiten könnte. Man zeigte mir in zwanzig Minuten die lebenserhaltende und die Wiederbelebungs-Apparatur, gab mir einen Piepser, und schon war ich in den zweiten Dienst eingeteilt. Drei bis vier Tage hintereinander schlief ich so im Pikettzimmer, allzeit bereit! Mein Lohn stieg unterdessen auf über Fr. 1000.– ! Einmal ist mir unterwegs zum Spital ein älterer Mann gestorben, den ich vielleicht hätte retten können, worüber ich noch längere Zeit ein schlechtes Gewissen hatte.
Nachdem ich ein Jahr lang bei einer Schlummermutter gewohnt hatte, wo Beischlaf – auch aus Liebe – praktisch unmöglich war, beschlossen Pinia und ich, den Weg des geringsten Widerstandes zu gehen, nämlich eine gemeinsame Wohnung zu mieten und unsere Heirat zu planen. Ende 1972 war es so weit, und gleichzeitig wollte Pinia, dass ich meinen Job im Spital kündige, weil sie vermutlich doch etwas eifersüchtig war.
Wir heirateten in Holland, denn ihre Eltern waren nicht gerade enthusiastisch und hatten genug mit ihrer eigenen Ehe zu tun. Es war ein grosses Fest mit 100 geladenen und 100 ungeladenen Gästen! Meine Mutter wollte mich noch im letzten Moment mit Vaters schönster Krawatte verstricken, aber ich weigerte mich standhaft. Pinia trug ein langes weiss-gelb gestreiftes Kleid, das ihre Mutter – immerhin! – gehäkelt hatte.
Im neuen Jahr hatte ich mich für den dreimonatigen Wirtekurs angemeldet, und gleichzeitig machte ich eine Aufnahmeprüfung in Bern für die neugegründete Physiotherapieschule. Leider wurde ich dort als überzähliger Ausländer abgelehnt. Anfang April begann ich dann in Grossmutters Restaurant zu arbeiten. Und obwohl die Zusammenarbeit mit der Grossmutter von Anfang an problematisch war, fragte ich sie nach ein paar Wochen, wie das mit meiner Arbeitsbewilligung sei. Als sie davon nichts wissen wollte, ging ich Ende April selber zur Fremdenpolizei und fragte, wie man das mache!