Die vom Willen gelöste Erkenntnis, die eigentlich metaphysische Tätigkeit, ist nichts anderes als eine ästhetische Haltung; die Verwandlung der Welt in ein Schauspiel, das sich mit interessenlosem Wohlgefallen betrachten lässt. Die Kunst, oder genauer die Haltung, zu der die Kunst den Betrachter einlädt, ist das Paradigma dieser Art Wirklichkeitserfahrung: Der Genuss alles Schönen, der Trost, den die Kunst gewährt, der Enthusiasmus des Künstlers, welcher ihn die Mühen des Lebens vergessen lässt… dieses alles beruht darauf dass… das Ansich des Lebens, der Willen, das Dasein selbst ein stetes Leiden und teils jämmerlich, teils schrecklich ist; dasselbe hingegen als Vorstellung, rein angeschaut oder durch die Kunst wiederholt, gewährt frei von Qual ein bedeutsames Schauspiel.
Nietzsche wird einer Generation denselben Gedanken verkünden, mit dem Gestus allerdings, als würde er alle ihm vorangehenden Lehren überbieten. Sein Anspruch, die Welt sei nur als ästhetische zu rechtfertigen, meint genau dies: Nur in ein ästhetisches Phänomen verwandelt lässt sie sich ertragen! Wenn Nietzsche gegen Schopenhauer trotzdem zum Einverständnis mit dem Willen aufruft, so bezieht er sich auf einen Willen, den er zuvor schon in ein ästhetisches Spiel verwandelt hat. Nietzsches «Wille zur Macht» blinzelt. Er schaut sich selbst zu; weit genug von sich selbst entfernt, um sich geniessen zu können.
Bei Schopenhauer wird, wie noch in keiner Philosophie vor ihm, dem Ästhetischen der höchste philosophische Rang eingeräumt. Eine Philosophie, welche die Welt nicht erklärt, sondern Auskunft darüber gibt, was die Welt eigentlich ist und bedeutet, eine solche Philosophie, so Schopenhauer, entstammt der ästhetischen Welterfahrung. In seinen Manuskriptbüchern hatte S. das noch deutlicher beschrieben als im Hauptwerk.
«Die Philosophie», heisst es in einer Aufzeichnung von 1814, ist so lange vergeblich versucht, weil man sie auf dem Wege der Wissenschaft, statt auf dem der Kunst suchte.